Interview in der KuL – die Kulturzeitung, das Kulturmagazin des Vaduzer Mendienhauses

„Die Suche nach der eigenen Farbe“ nennt sich Ihr erster Roman. Auf welche Suche haben Sie sich dabei selbst gemacht?

Ich würde sagen, auf die Suche nach mir als Autorin. Es ist mein erster Roman und ich habe sehr, sehr viel dabei gelernt. Ich wollte die Geschichte der Vorarlberger Malerin Stephanie Hollenstein so schreiben, dass man mit ihr mitfühlen kann.

Sie erzählen aus dem Leben von Stephanie Hollenstein. Was interessierte Sie an dem widersprüchlichen Leben der Malerin aus Lustenau?

Stephanie Hollenstein, geboren 1886 in Lustenau als einfaches Bauernmädchen, hatte für ihre Zeit und ihre Herkunft ungewöhnliche Entfaltungsmöglichkeiten. Sie ging nach München an die Kunstgewerbeschule, lernte Malen und machte erste Erfahrungen in der Liebe – vor allem zu Frauen. Als der 1. Weltkrieg ausbrach, liess sie sich von der damals herrschenden Kriegsbegeisterung anstecken und ging sogar so weit, 1915 als Mann verkleidet an die Front zu ziehen. Nach dem Krieg war sie ein wichtiges Mitglied in der Wiener Kunstszene und setzte sich aktiv für bessere Ausstellungsbedingungen für Frauen ein. Dort lebte sie auch offen lesbisch. Doch dann – noch vor dem „Anschluss“ – arbeitete sie im Untergrund für die damals in Österreich noch verbotene NSDAP. Wie konnte eine Frau, die so viele Möglichkeiten hatte und noch dazu homosexuell war, an den Ideen der Nazis Gefallen finden? Das wollte ich genauer wissen. Dieser Gegensatz in ihrer Persönlichkeit fasziniert mich bis heute

Bereits nach wenigen Seiten wird klar: Sie sind in die Tiefen aus dem Leben von Stephanie Hollenstein eingetaucht. Was hat Sie dabei am meisten berührt?

Oh, da gibt es ganz viel. Zum Beispiel beschreibt sie in einem ihrer Notizbücher, noch während des 1. Weltkriegs eine Szene in einem Tiroler Lokal. Es geht darum, dass ihr die Gesellschaft der Krähen lieber ist als die der Menschen. Ich deute diese Stelle so, dass sie hadert, vielleicht sogar depressiv ist. Ich habe die Szene im Roman übernommen. Für mich ist es eine der wenigen Situationen, wo die historische Hollenstein – zumindest ihrem Notizbuch gegenüber – Schwäche zeigt. Das fand ich sehr berührend.

Gab es Begebenheiten, in denen Sie sich geradezu erschüttert fühlten?

Nicht gut auszuhalten waren Hollensteins antisemitische Äusserungen, die vor allem in einem Dokument auftauchen. Da ich mich in meinem Geschichtsstudium mit den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts intensiv beschäftigt hatte, wusste ich, dass derartige Formulierungen und Äusserungen damals keine Seltenheit waren. Stephanie Hollenstein plappert erschreckend unreflektiert puren Nazijargon nach. Ich habe versucht, das so zu übertragen, dass klar wird, Stephanie Hollenstein war Antisemitin, ohne dass ich den Aussagen selbst Platz einräume.

Wie verlief Ihre Schreibarbeit?

Ich habe 2018 zum ersten Mal von Stephanie Hollenstein gehört, wusste sofort, dass mich dieser Stoff interessiert. Mein erster Weg führte mich ins heutige Dock 20 in Lustenau, wo viele Bilder von Stephanie Hollenstein zu sehen sind, dann recherchierte ich im Gemeindearchiv, aber auch in Wien im Archiv der Vereinigung der Bildenden Künstlerinnen Österreichs und habe viel gelesen. Immer wieder habe ich mir ihre Bilder angeschaut, versucht, den Menschen dahinter zu entdecken. Die Bilder waren es dann auch, die zu meinem Schlüssel für das Schreiben wurden. Eine Lektorin, die mir geholfen hat, meine ersten Schreibskizzen zu sortieren, machte mir den Vorschlag, jedes Kapitel mit einer Bildbeschreibung einzuleiten. Das hat für mich gut funktioniert. Stephanie Hollenstein und ich sind uns während des Schreibens nähergekommen. Es war nicht immer einfach mit ihr. Mal war sie für mich „Stephie“, dann wieder distanziert „die Hollenstein“.

Schreibarbeit war für Sie allerdings nicht neu.

Nein, geschrieben habe ich schon immer, als Journalistin, als Dramaturgin, als Referentin für Öffentlichkeitsarbeit an verschiedenen Theatern. Das fiktive Schreiben war schon lange ein Traum von mir und ich war nicht sicher, ob ich es können würde. Zunächst habe ich mich an einem Kriminalroman probiert, aber schnell festgestellt, dass ich nicht gut darin bin, mir glaubwürdige Mordmotive auszudenken. Über das Schreiben von Kurzgeschichten kam ich dann zum Genre „Historischer Roman/Romanbiografie“.

Welche Reaktionen auf den Roman haben Sie erreicht?

Sehr schön war die Reaktion meines Neffen, der mich drei Tage nach Erscheinen meines Romans angerufen hat. Ich habe im Gespräch gemerkt, dass er ganz viel von dem, was ich sagen wollte, verstanden hat. Das hat mich sehr berührt. Mich haben in den letzten Monaten viele weitere Zuschriften von Menschen erreicht, die mir sagen wollten, was Ihnen der Roman gegeben hat. Oft waren es Menschen, die mich nicht kennen. Es gibt auch Kritiken, in denen ich mich sehr verstanden fühle. Ich wollte einen gut lesbaren Roman über das Leben einer Frau schreiben, die zwar aus der Masse herausragte, deren Lebensgeschichte dennoch viel Allgemeingültiges aufzeigt. Ich glaube, das ist mir gelungen, insgesamt überwiegen eindeutig die positiven Rückmeldungen. Ich spüre das auch bei den Lesungen, die ich bisher machen durfte. Die Menschen hören genau zu, stellen kluge Fragen, das macht mich glücklich.

Haben Sie sich während Ihrer schreiberischen Reise sozusagen auch auf die Suche nach der eigenen Farbe begeben?

So würde ich das nicht formulieren. Ich habe über viele Dinge nachgedacht, darüber, wie leicht man sich von politischen Ideen verführen lassen kann, wie wichtig es ist, sich selbst immer wieder zu hinterfragen. Dass Mut und Tatkraft zwar hervorragende Eigenschaften sind, aber immer einher gehen sollten mit Aufmerksamkeit, mit dem Blick auf andere, auf Gerechtigkeit und Grundrechte. Ich habe durch das Schreiben vielleicht noch mehr verstanden als vorher, wie gross heute unsere Verantwortung ist, denn wir wissen – anders als Stephanie Hollenstein – worauf Faschismus hinauslaufen kann.

Gibt es etwas, das Sie mit Stephanie Hollenstein verbindet?

Stephanie Hollenstein und ich, wir lieben beide kräftige Farben. Das hat mir von Anfang an bei ihren Bildern gut gefallen. Hier enden aber auch die Gemeinsamkeiten. Meine Lieblingsfarbe ist rot, in der letzten Zeit habe ich mich aber auch mit der Farbe pink sehr angefreundet – es ist unter anderem die Farbe der „Omas gegen Rechts Schweiz“, deren Gründungsmitglied ich bin.

Planen Sie einen zweiten Roman – und wenn ja, welche Farbe soll dieser haben?

Ja, ich sitze bereits an einem zweiten Roman, der diesmal im Appenzeller Land, in dem ich seit über fünf Jahren lebe, spielen wird. Es ist die Zeit der frühen 70er Jahre, Appenzell-Ausserrhoden hat noch kein Frauenwahlrecht, in der Bundesrepublik Deutschland rollt die erste Terrorwelle der RAF an. Die Farbe dieses Romans ist vielleicht goldgelb wie ein Glas Honig, das man ins Licht hält, Bienen werden darin eine entscheidende Nebenrolle spielen.

Das Interview ist am 31. Oktober (nicht am 31. Januar, wie fälschlich im Foto steht) in der KuL – die Kulturzeitung erschienen.

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