„Französisch-Guayana – das ist in Südamerika, oder?“ Das war so ziemlich die häufigste Frage, die mir gestellt wurde, wenn ich davon sprach, wo ich im November 2023 sein würde. Manche hatten auch noch im Hinterkopf, dass es dort einen Weltraumbahnhof gibt und wer in etwa im Alter meines Schweizers ist, erinnerte sich vielleicht an den Film „Papillon“. Aber ich habe niemand getroffen, der dort schon war. Warum also, wollten wir dort hin?
Am Anfang stand mein Wunsch einmal richtig in den Dschungel zu gehen, Amazonas, das wollte ich gerne, schon seit Jahren, habe dabei aber eher an Brasilien gedacht. Und dann hat mein Schweizer einen Bericht über Saül gelesen, das ist ein Dorf in Französisch-Guayana, mitten im Dschungel, es gibt keine Straße dort hin, keinen Fluß, nur eine Verbindung mit der Air Guyane, die täglich 45 Minuten über den Dschungel flog, um dort zu landen, in einem intakten Dorf mit sanftem Tourismus und einigen kürzeren und längeren Wegen in den Dschungel hinein, die man größtenteils sogar alleine ohne Guide machen kann. Das klang wunderschön. Wir schauten weiter, fanden heraus, dass das Land eine ungeheuer große Biodiversität hat, dass es zwar keine karibischen Sandstrände besitzt, dafür aber unglaublich viel intakte Natur im Landesinneren. Dass es leicht ist, dort hinzukommen, weil die Air France jeden Tag direkt von Paris nach Cayenne fliegt, dass es ein Teil Frankreichs ist, man folglich mit dem Euro zahlt, Euro-Stecker hat und sogar – fast überall – das Wasser aus der Leitung trinken kann.
Was wir nicht herausfanden, war, wie buchen wir einen Flug nach Saül? Dass uns das nicht gelungen ist, hat, wie wir inzwischen wissen, einen ganz einfachen Grund. Die Fluggesellschaft Air Guyane hat vor wenigen Wochen Insolvenz anmelden müssen. Jetzt fliegt da nichts mehr hin nach Saül, außer Militärhubschrauber, um die Menschen, die dort leben mit dem Nötigsten zu versorgen. Aber Touristen sind nicht das Nötigste, also keine Möglichkeit für uns, nach Saül zu kommen.
Wir beschlossen, trotzdem nach Französisch-Guayana zu fliegen und fanden ein faszinierendes Land voller Gegensätze, ein Teil Europas und Südamerikas gleichzeitig. Das Land ist etwa doppelt so groß wie die Schweiz und zu mehr als 90% mit intaktem Regenwald bedeckt. Die Wege sind kurz, man ist immer sehr schnell im Dschungel. Es gibt wenig Straßen, die nur teilweise gut zu befahren sind, ansonsten muss man viel Zeit einplanen, oder in die Pirogge umsteigen; die Menschen sind sehr freundlich, ohne Französischkenntnisse wird es schwierig, es gibt kaum touristische Infrastruktur. Letzteres ist einerseits toll, weil man ganz viele sensationelle Orte quasi für sich allein hat, aber auch doof, weil man diese Orte nur mit großem Aufwand findet. Wir erfahren zum Beispiel ziemlich zufällig, dass es ganz in der Nähe unserer Lodge einen etwa einen Kilometer langen Weg zu einer Höhle gibt, an der Coq Roche leben, wunderschöne orangerote Vögel. Wir hatten eine ziemlich genaue Beschreibung, wo der Weg war, sind aber zweimal daran vorbeigefahren, da sich das dazugehörige Schild etwa zehn Meter im Wald befindet. Tatsächlich waren wir dann etwa eine halbe Stunde ganz alleine bei den roten Hähnen und konnten sie in aller Ruhe beobachten. So cool. Aber auch ein bisschen traurig, denn vermutlich sind wir auch an vielen Wegen vorbeigefahren, wo wir ähnlich tolle Erlebnisse gehabt hätten – wenn wir nur davon gewusst hätten.
Nach über zwei Wochen im Land haben wir langsam das Gefühl, dass die Menschen ein wenig resigniert haben. Wenn es keine befahrbare Straße, keinen Bus, keinen Zug und jetzt auch kein Flugzeug gibt, um zu einem wunderschönen Ort zu kommen, dann kommt eben auch niemand. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, Tourismus wäre vielleicht für viele eine gute Erwerbsmöglichkeit. Doch wenn wenig ausgeschildert ist, dann fahren die wenigen Touristen im Land vorbei. Dabei hätte das Land so unglaublich viel zu bieten. Nicht nur Natur, sondern auch Geschichte. Wir haben viel gelernt über das bagno, die Lager an verschiedenen Stellen im Land, wohin Frankreich bis in die 40er Jahre des letzten Jahrhunderts seine Verbrecher geschickt hat, die kaum eine Chance hatten, zu überleben; über das Ende der Sklaverei und eine Frau, die hier einen Ort gegründet hat. Wir haben gelernt, dass im Westen die Grenze nach Brasilien streng bewacht ist und im Osten die nach Surinam, dass dennoch von beiden Seiten Menschen ins Land kamen und kommen. Und doch leben hier weniger Menschen als in Vorarlberg. Ihre Vorfahren kamen teilweise als Sklaven von Afrika hierher; es gibt Indios, die oft in kleinen Dörfern entlang der großen Flüsse leben, Menschen aus dem europäischen Teil von Frankreich, die oft für einige Jahre hier leben und arbeiten und dann wieder nach Europa zurück gehen und die Hmong, die von den Franzosen nach dem Indochinakrieg hier angesiedelt wurden. Es wirkt für uns so, als wäre es ein sehr friedliches Zusammenleben, mit einer sanften Durchmischung, einigermaßen auf Augenhöhe, und ich hoffe sehr, dass ich das nicht zu sehr durch eine rosarote Brille sehe. Es ist auf alle Fälle ein ungewöhnliches Land für Südamerika. Die Kriminalität ist niedrig, die Menschen sind freundlich aber eher zurückhaltend, selbst in abgelegenen Orten kommt regelmäßig die Müllabfuhr, in Mana haben wir sogar einen Mann gesehen, der mit einem Greifarm den Müll von der Straße gesammelt hat.
Es sind keine günstigen Ferien, die Preise sind kaum niedriger als bei uns. Das Essen schmeckt großartig, einfach weil französische Küche kombiniert mit creolischer und südamerikanischer Küche und angereichert mit all diesen wundervollen Früchten, gut schmeckt; dazu gibt es in jedem Ort frisches Baguette zu kaufen. Es ist heiß hier, eigentlich immer, und wenn man in diesem Land reist, sollte man eine Hängematte mit Moskitonetz dabeihaben. Ein Carbet, wo man sie aufhängen kann, findet sich fast überall.
zuerst veröffentlicht am 12. November 2023 auf https://bikeandcrime.wordpress.com/2023/11/12/warum-franzosisch-guayana-eine-art-zwischenbilanz/