Über den Tod von Robert Wilson

Er hat ein Fenster bei mir geöffnet, ein Goldenes. Dadurch fällt bis heute Licht von irgendwo nach irgendwo, zeichnet einen exakt austarierten Weg, den ich dennoch immer wieder in den Halbschatten verlasse, den ich oft lieber beobachte als ihn entlang zu gehen.  

Ich war 14 und es war einer meiner ersten „erwachsenen“ Theaterbesuche. Meine Mutter fand, es sei Zeit, mich an diese Kunstform heranzuführen. Und so saß ich neben ihr, in einer der letzten Parkettreihen der Münchner Kammerspiele, ohne Wissen von dem, was kommen würde, ohne irgendeine Erwartung. Es wurde dunkel im Jugendstiltheater und dann erinnere ich mich, dass ich mit jeder Faser meines Körpers elektrisiert war. Ich sah zu, ich hörte zu, ich fröstelte und schwitzte gleichermaßen, ich war komplett vereinnahmt und doch seltsam distanziert zu dem, was da auf der Bühne geschah. Ich verstand es nicht und war fasziniert, ich begriff, dass ich nicht begreifen muss, dass ich das, was dort auf der Bühne geschieht, einfach aufnehmen kann, mit jeder Pore meines Körpers, ich war gefesselt und für immer mit dem Theatervirus infiziert. Ich entdeckte, dass Zeit endlos ist und gleichzeitig zwischen den Fingern zerrinnt. Dass es etwas gibt, das mit meinem Alltag wenig zu tun hat und das ich mehr durchdringen möchte. Und ich ahnte schon damals, das ich das niemals ganz durchdringen werde – aber das war mir egal. Ohne diesen Abend, ohne Robert Wilsons Die Goldenen Fenster wäre mein Leben anders verlaufen.

Niemals dachte ich, ich könnte in die Sphären eines Robert Wilson vordringen, ich habe nie versucht, eine direkte Schülerin von ihm zu werden; warum eigentlich nicht? Ich glaube, er war mir zu perfektionistisch, das entspricht mir nicht. Und mein Selbstbewusstsein war ohnehin nicht besonders stark ausgeprägt. Aber immer war da das Wissen, dass es das gibt, dass Bühne, Licht, Ton, Maske, Kostüm und Schauspiel so perfekt miteinander verbunden sein können, dass diese Kunstform Menschen zum Strahlen bringen kann, dass Theater für mein Leben notwendig sein wird. Natürlich hatte ich auch das unglaubliche Glück, dass es an den Kammerspielen einen Peter Lühr gab, eine Maria Niklisch – an diese beiden erinnere ich mich bei den Goldenen Fenstern besonders.

Jetzt ist der Künstler, der mir vor über 40 Jahren das Fenster zu einer neuen Welt geöffnet hat, gestorben. Ich danke Robert Wilson von ganzem Herzen für großartige Theatermomente und für diesen goldenen Lichtstrahl, der mich seitdem begleitet.

Bild: Diese Postkarte habe ich Jahre später in Köln gekauft. Sie zeigt eine Szene der Münchner Inszenierung von 1982. Das Foto ist von Oda Sternberg. Die Postkarte ist Teil einer Serie: 34 Bühnenbilder in Deutschland (1977-1982), hrsg. von Jörg Johnen, Karte 10 von 10, Gebr. König Postkartenverlag Köln

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